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Book Review of
Unersättliche Neugier.
Innovation in einer fragilen Zukunft
Ludger Heidbrink: Wissen macht unwissend. In: DIE ZEIT, 12 May 2005 p. 38
Wissen macht unwissend
Helga Nowotny über die moderne Neugier, die Gewissheit
verschlingt
Es ist nicht allzu schwierig, ein Wort zu finden, das die gegenwärtige
Lage erfasst. Es lautet: Ungewissheit. Man kann sie gerade bei den Klügeren
und Aufmerksameren unter den Zeitgenossen beobachten. Sie befinden sich
in einem Zustand der Verunsicherung, der Ratlosigkeit und Irritation.
An die Stelle fester Überzeugungen und klarer Ansichten ist ein auffälliges
Zögern und Tasten getreten. Meinungen werden revidiert, Gegnerschaften
aufgekündigt, bisweilen Ahnungslosigkeiten offen eingestanden. Man könnte
von einem sokratischen Zeitalter sprechen, das angebrochen ist: Wir wissen,
dass wir nicht mehr wissen. Dieser Verlust von Gewissheiten steht im Mittelpunkt
des neuen Buches von Helga Nowotny, die derzeit am Wissenschaftszentrum
Wien tätig ist, dem European Research Advisory Board der EU vorsitzt und
der wir Veröffentlichungen über Eigenzeit und Unsicherheit verdanken,
die inzwischen den Rang von Klassikern besitzen. Das aktuelle Buch Unersättliche
Neugier hat ebenfalls das Zeug dazu. Selten sind mit solcher Eindringlichkeit
die Widersprüche unserer Zeit beschrieben und auf ihre wissenshistorischen
Ursachen zurückgeführt worden.
Das Wissen, das gezähmt werden soll, folgt lieber seiner eigenen
Logik
Nach Nowotny liegt die gegenwärtige Situation der Ungewissheit vor allem
im ungehemmten Drang nach dem "Neuen" begründet, der die wissenschaftliche
Forschung antreibt. Die Eroberung der Zukunft, die das Kennzeichen der
modernen Wissenschaften bildet, hat einen Punkt erreicht, an dem die Kosten
des Fortschritts unübersehbar geworden sind. Der Verlust von Arbeitsplätzen,
die Dominanz der Marktwirtschaft und die Manipulierbarkeit der Natur entspringen
derselben technisch-wissenschaftlichen Vernunft, von der man sich einst
die Verbesserung der Gesellschaft erwartete. Die Folgen bestehen in einem
"fatalen Schwanken" zwischen Hoffnungen und Ängsten, fortgesetzten Heilsversprechen
und radikalen Ablehnungen der modernen Welt.
Um den alten "Polaritäten von Utopien und Dystopien zu entkommen", muss
die Zukunft anders gedacht werden. "Die Zukunft denken erfordert Wissen
und Imagination, ein Wechseln zwischen Ernsthaftigkeit und Spiel, Wissenschaft
und Ironie. Das Wissen muss breit aufgespannt sein und eine Integration
anstreben, die aus allen verfügbaren Quellen schöpft, den Geisteswissenschaften
ebenso wie den Natur- und Ingenieurwissenschaften, der Kunst wie der Technik
und den Erfahrungen des ganz gewöhnlichen Alltags."
Das ist ein anspruchsvolles Programm. Es beruht nicht, wie die übliche
Wissenschafts- und Vernunftkritik, auf der Abkehr, sondern der "Fortsetzung
der Moderne". Nowotny will den unersättlichen Geist der "Neugier", der
stets zersetzt, was er erzeugt, mit seinen eigenen Mitteln zur Räson bringen.
Wo Nietzsche, Weber und Ludwig Klages die Entzauberung der modernen Wirklichkeit
beklagten, sieht Nowotny in ihr das Durchgangsstadium in eine Welt der
Möglichkeiten und Optionen, in die wir schon seit längerem unterwegs sind.
Das Losungswort für diese Welt heißt "Innovation". Sie sorgte im Namen
des Fortschritts dafür, dass "alles Ständische und Stehende verdampfte"
(Marx) und sich zugleich neue Zonen öffneten, in denen die Menschen Glück,
Wohlstand und Sicherheit zu finden hofften. Befördert wurde der gesellschaftliche
Wandel durch die Symboltechnologien, die Erfahrungen und Wissen auf Dauer
stellten, in Medien speicherten und abrufbar machten. Hinzu kam der Erfolg
der technologischen Wissenschaften, die sich auf die Gesetze der Natur
beriefen, um die Grundlagen der Gesellschaft und des menschlichen Lebens
zu erneuern.
Man ahnt, dass dies nicht gut gehen konnte. Denn die Natur kennt weder
Moral noch Sinn. Die Neuerungsmaschinerie musste mit sozialen Erwartungen
kollidieren, der Wille zur Innovation ins Leere laufen. Statt Gewissheit
entstand "eine wachsende Zone der Ungewissheit. Sie rührt im wesentlichen
daher, dass alles neu produzierte Wissen den Handlungsspielraum ausweitet,
ohne die Kriterien mitliefern zu können, nach denen er wieder eingeschränkt
werden soll." Um die anwachsende Ungewissheit in den Griff zu bekommen,
versucht man heute, das in den Forschungslaboren produzierte Wissen durch
"zwei Zähmungen" zu bändigen. Es wird durch finanzielle Förderung und
Eigentumsrechte stärker privatisiert, während es auf der anderen Seite
der öffentlichen Diskussion und Mitsprache ausgesetzt wird. Die Kontextualisierung
des "reinen" Wissens hat den Zweck, mehr Einfluss auf die Forschung zu
nehmen und ihre Anwendung gemeinsamen Zielen zu unterwerfen.
Der "Wunsch, das Unvorhersehbare zu kontrollieren", scheitert jedoch an
der Eigendynamik der Wissensprozesse, die ihrer Entwicklungslogik folgen.
Historische Erwartung und kollektive Erfahrung sind auseinander getreten,
die Zukunft widersetzt sich ihrer Planbarkeit. Es erscheint aus dem Rückblick
geradezu rührend, mit welcher Naivität man in den 1970er Jahren glaubte,
Wirtschaftskrisen und Umweltprobleme durch politische Steuerung in den
Griff zu bekommen. Heute erkennen wir, wie schnell die globalen Märkte
innovative Ideen aufsaugen, wie rasant in den Netzwerken der so genannten
Wissensgesellschaft kreative Theorien versickern und in chaotische Energie
verwandelt werden.
Alles ist möglich, aber fast nichts realisierbar
Das Dilemma unserer Zeit besteht nach Nowotny darin, dass "Ungewissheit
durch das Überangebot von Wissen entsteht". Die fortgeschrittene Moderne
leidet daran, dass alles möglich, aber so gut wie nichts realisierbar
ist. Man kann dies dort beobachten, wo Experten und Kommissionen über
den Abbau der Arbeitslosigkeit, die Bändigung des Kapitalismus oder die
Grenzen des Sozialstaats streiten. Das geballte Handlungswissen prallt
an der Komplexität der wirklichen Verhältnisse ab, mündet in groteske
Schuldzuweisungen ein oder bringt einen Reformeifer hervor, der in Absichtserklärungen
und Fehlentscheidungen stecken bleibt.
Vor allem die Rede von Innovationen, die in der Politik und Forschungsförderung,
auf Kongressen und Parteitagen erschallt, überspielt die Schwierigkeiten,
die mit der Realisierung zukunftsfähiger Lösungen einhergehen. Die Innovationsrhetorik
stachelt unsere praktische Phantasie an und erzeugt zugleich ein vehementes
Unbehagen vor dem, was kommt. Die innovative Gesellschaft erfordert Anpassungsbereitschaft,
Flexibilität und Eigenverantwortung. Sie verspricht aber auch Wachstum,
Gesundheit und ein sorgenfreies Leben im Alter. Die Zukunft erscheint
gespalten: Sie kennt keine Katastrophen mehr, dafür aber einen eklatanten
Zuwachs an Risiken und Gefährdungen, die durch die Techno- und Biowissenschaften
selbst hervorgerufen werden.
Was ist in dieser Situation zu tun? Nach Ansicht von Helga Nowotny gibt
es keinen Ausstieg aus der Innovationsspirale, sondern nur eine Änderung
ihrer Drehrichtung. Der gesellschaftliche Wandel muss kulturell und moralisch
gefiltert werden, indem der "Anteil an sozialem Wissen" erhöht wird, aus
dem sich die Neuerungsprozesse speisen. Das ist nicht nur ein Plädoyer
für die Kulturwissenschaften, die Fragen nach Sinn und Bedeutung des Innovationsgeschehens
stellen. Es ist auch der Aufruf an die Intellektuellen, Künstler und Literaten,
sich stärker in forschungspolitische und wissensökonomische Entscheidungen
einzumischen, die unsere kollektive Zukunft betreffen.
Sollte es gelingen, eine kulturelle und kreative Öffentlichkeit zu schaffen,
die das Innovationsgeschehen am Schopf seiner Zweideutigkeit packt, ließe
sich ein Umgang mit der Moderne entwickeln, in dem beides seinen Platz
hat: der Wille zur Autonomie und die Abhängigkeit von unverfügbaren Mächten,
die sich in Kontrollverlust, Freiheitseinbußen und Überforderungen zeigen.
Mit der "Möglichkeit des Scheiterns", so Nowotny, "kehrt die Moderne zu
einer ihrer Ausgangsprämissen zurück". Sie muss lernen, mit der Ungewissheit,
die sie hervorbringt, zu leben.
Helga Nowotny hat ein wunderbar abgeklärtes Buch geschrieben, das die
letzten Reste an Fortschrittsvertrauen beseitigt, ohne das Projekt der
Moderne vollständig zu Grabe zu tragen. Im Grunde haben wir es noch gar
nicht begonnen. Es besteht darin, Übergänge zwischen getrennten Wissensbereichen
zu vollziehen und Spannungen auszuhalten, die aus unvereinbaren Anschauungen
resultieren. Es geht darum, die Vorläufigkeit unseres Wissen zu akzeptieren
und damit zurechtzukommen, dass es keine Garantien gibt, weder auf Arbeit,
soziale Sicherheit oder gesellschaftlichen Frieden. Die Bewältigung von
Ungewissheiten und Ambivalenzen ist eine kulturelle Fähigkeit, die noch
entwickelt und trainiert werden muss. Dieses Buch hilft uns dabei.
(c) DIE ZEIT 11.05.2005 Nr.20
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